BR-KLASSIK

BR-KLASSIK: Sie kommen ja aus Freiburg, einer ausgesprochen musikalischen Stadt. Sind Sie denn ein richtiger Badener?

David Afkham: Ich bin schon Badener, wenn ich will. Ich bin dort geboren und zur Schule gegangen, ein Freiburger Bobbele, wenn man so sagen kann. Ich habe noch vier Geschwister. Ich komme aus einer Mediziner- und Musikerfamilie und es stimmt schon: Musik war ständig bei uns zu Hause und ich als jüngstes von den Geschwistern habe das dann irgendwie so mitbekommen. Ich habe wirklich die Musik mit der Muttermilch aufgesogen.

BR-KLASSIK: Ihr Vater ist aus dem Iran, aber in Indien aufgewachsen. Die Mutter ist Deutsche. Wie international ging es denn bei Ihnen zuhause zu?

David Afkham: Wir sind eine sehr internationale Familie. Wie gesagt, das Asiatisch-Orientalische kommt von meinem Vater her. In den 30er Jahren ist er im Iran, damals noch Persien, geboren worden und dann sind seine Eltern – er war ein Baby – nach Bombay ausgewandert und haben dort ein Café-Restaurant aufgemacht. Das war alles vor der ganzen Schah-Geschichte. Er ist mit 18 zum Medizinstudium nach Freiburg gekommen, das war Ende 50er Jahre. Man kann sich das manchmal gar nicht mehr vorstellen. Er hat sich dann dort wirklich wie in Tausendundeiner Nacht in eine blonde blauäugige Freiburgerin verliebt. Wir sind eine sehr offene Familie, da kann ich meinen Eltern nicht genug danken: dieser Horizont, dieses Weitsichtige, das Offensein, das wir auch in der Musik immer mitbekommen, wenn wir reisen.

BR-KLASSIK: Klavier und Geige, das waren eigentlich Ihre Ausgangs-Instrumente. Sie waren Jungstudent in Freiburg, haben sich dann aber doch entschieden, nach Weimar zu gehen. Warum haben Sie sich von beiden Instrumenten verabschiedet?

David Afkham: Ich wusste, dass ich weder Geige noch Klavier studieren wollte. Ich war sehr vielseitig interessiert und bin es noch. Ich habe in Bremerhaven Regieassistent gemacht, im Krankenhaus gearbeitet und dann im Rahmen meines Jung-Studiums kam auch schon das Dirigieren dazu. Ich habe dann einfach gedacht: jetzt probiere das mal wirklich bewusst aus, suche dir ganz konkret einen Lehrer. Der soll schauen, ob du Talent hast oder nicht. Ich habe schon gespürt: das muss ich einfach ausprobieren. Dann stand ich vor dem Orchester und wusste: das ist es und nichts Anderes. Es ist mehr als ein Beruf, es ist eine Berufung und es ist sehr bereichernd. Es geht nicht nur um diese schwarzen Punkte auf diesem weißen Papier. Es geht um Aussage, es geht um Geschichte. Wenn man Oper macht, kommt die Sprache dazu, die Literatur. Es hört nicht auf, und wir sprechen noch nicht mal über die ganze Psychologie, wenn es um die Musiker geht, dieses Menschliche. Mit dem Klavier war ich doch alleine. Mir hat dieses gemeinsame Musizieren gefehlt.

BR-KLASSIK: Wie war dann Ihre erste Erfahrung – vor einem ganzen Sinfonieorchester stehend?

David Afkham: Das war unglaublich. Ich weiß noch ganz genau: Das war die Jenaer Philharmonie mit der Fidelio-Ouvertüre und dem „Chaos“ aus Haydns Schöpfung – ein Klangrausch, den man erst einmal gar nicht so richtig aufnehmen kann. Es ist überwältigend. Man muss lernen, zu filtern. Das braucht Zeit, Erfahrung und einen kühlen Kopf. Es geht nicht sofort, man ist eigentlich immer mit dem ganzen Herz dabei. Das ist Teil der Erfahrung und insofern war Weimar sehr gut, weil man einfach viele Möglichkeiten hatte, vor dem Orchester zu stehen.

BR-KLASSIK: Sie waren dann auch sehr schnell sehr erfolgreich. Sie haben Wettbewerbe gewonnen und Sie haben schon während des Studiums Bernard Haitink kennengelernt, bei dem Sie assistieren durften. Wie kam es zu dieser Begegnung?

David Afkham: Ich habe ganz am Anfang des Studiums eine Ausschreibung für einen Meisterkurs in Luzern bei Bernard Haitink gesehen und dachte: was hast Du zu verlieren? Melde dich doch einfach mal an. Ich wurde tatsächlich eingeladen und dann beim Auswahldirigat auch als aktiver Teilnehmer vors Orchester geschickt mit Bernard zusammen. Für mich ist er ein Meister, ein Mentor. Wir haben dann über Musik gesprochen, wie man analysiert, wie man eine Partitur liest, einen Brahms oder eben auch einen Bruckner 9. Aber das Geheimnis, wie dann Klang entsteht, wie man ihn mit einem Orchester zusammen formt, habe ich dann eigentlich erst erlernen können, als ich von ihm persönlich eingeladen wurde, ihm persönlich zu assistieren bei Bruckner 9 in Amsterdam. Das war so interessant. Ich habe dann gefragt: Herr Haitink, wie kriegen Sie Ihren Klang? Egal, vor welchem Klangkörper er stand – in fünf Minuten hatte er seinen Klang. Er sagte: ich weiß nicht, es kommt einfach. Diese Art, etwas entstehen zu lassen – das ist schon ein bisschen zen-artig ab und zu. Das habe ich von ihm gelernt oder bin immer noch dabei: entstehen lassen, Vertrauen zu haben, zu wissen, wann man Impulse geben muss und wo man auch loslassen muss, damit die im Orchester frei spielen können, atmen können. Das ist eine Schule, für die bin ich sehr dankbar. Ich weiß manchmal gar nicht, wie ich genug danken kann für diese Philosophie.

BR-KLASSIK: Nun braucht man natürlich viel Selbstbewusstsein als Dirigent. Wo kommt das bei Ihnen her?

David Afkham: Das weiß ich nicht. Ich bin eigentlich ein großer Zweifler – vor allen Dingen an mir selber. Aber trotzdem überwiegt die Freude und die Kraft durch die Musik. Ich bin meistens vor den Proben viel mehr aufgeregt als vor Konzerten. In der Probe muss man ganz genau planen, die Chemie muss stimmen zwischen dem Orchester und mir. Es sind so viele Energien, die da rumfleuchen. Das ist manchmal schwer zu bündeln. Aber die Lösung ist immer die Musik. Und vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, woher das Selbstbewusstsein und die Kraft kommen: es ist am Ende die Musik.

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Dutilleux with Gautier Capuçon

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